Ausgangslage

Die Ausgangslage des Projekts

Im  Jahr 2009 feierte die erste ambulant betreute Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Berlin ihr 15-jähriges Jubiläum. Gleichzeitig erleben wir in der ganzen Republik eine regelrechte Gründungswelle von ambulant betreuten Wohngemeinschaften (nicht nur) für Menschen mit Demenz[1].
Anlass genug, Resümee zu ziehen und einen Ausblick in die Zukunft zu wagen.

  • Für die etablierten - "vollstationären" - Pflegeeinrichtungen bedeutet diese Entwicklung die Auseinandersetzung mit konkurrierenden (oder alternativen) Pflege- und Wohnmodellen.
  • Für die Ordnungsbehörden, vor allem die Heimaufsichten und die Branschutzbehörden bedeutet diese Entwicklung, sich zunehmend mit Pflegearrangements auseinander setzen zu müssen, die nicht ohne weiteres eindeutig einem bestimmten Regelsystem zuzuordnen sind. Dieser Problematik tragen die neuen "Landesheimgesetze"  Rechnung, indem sie versuchen, die ambulant betreuten WGs in das ordnungsrechtliche Regelsystem aufzunehmen.
  • Für die potenziellen Nutzer bedeutet diese Entwicklung: mehr Auswahl, aber eine größere Unsicherheit, was die Qualität der Angebote anbelangt. Ähnliches gilt auch für die Sicherung der Finanzierung z.B. durch eine entsprechende Leistungsgewährung durch den Sozialhilfeträger.

 


Im Regelsystem angekommen

Nach anfänglichen Irritationen und Widerständen bei Aufsichtsbehörden und Kostenträgern sind ambulant betreute Wohngemeinschaften in der Normalität des sozialpflegerischen Regelsystems  angekommen.  Ob sie schon die "richtige" Heimat gefunden haben, sei erst einmal dahin gestellt.
Allerdings haben sie – entgegen ersten Prognosen am Beginn ihrer Etablierung – eine deutliche Metamorphose erfahren: Ursprünglich als nutzergesteuertes Modell der Versorgung von Menschen mit Demenz gedacht, bei dem Angehörige und gesetzliche Betreuer (und ihre Organisationen) als Initiatoren auftreten, haben sich ambulant betreute Wohngemeinschaften mittlerweile als „ganz normales“ Angebot ambulanter Dienste etabliert.
Bis auf wenige Ausnahmen geht die Initiative zur Einrichtung einer Wohngemeinschaft heute in der Regel von den Anbietern ambulanter Pflegeleistungen aus, die damit ein Instrument entdeckt haben, auf dem Markt der Versorgung fortgeschritten demenzkranker Menschen präsent zu sein. Bei Trägern vollstationärer Pflegeangebote für diese Zielgruppe ist denn auch eine zunehmende Nervosität zu spüren, war doch dieses Klientel bisher ein sicherer Kundenstamm für stationäre Pflegeeinrichtungen.


Neue Akteure auf dem Pflegemarkt

Möglich ist diese Entwicklung vor allem geworden, weil sich identische bzw. sich ergänzende  Interessenkonstellationen bei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen entwickelt haben.

  • Die alten Menschen selbst, bzw. ihre Angehörigen zeigen zunehmend größere Abneigung gegenüber einer Versorgung in einer stationären Pflegeeinrichtung. Ob diese in jedem Fall gerechtfertigt ist, darf getrost bezweifelt werden, aber das Image der Pflegeheime ist derzeit kein positives.
  • Es hat sich ein Wertewandel bei der älteren Generation vollzogen. Autonomie, Selbstbestimmtheit und Transparenz (Verbraucherschutz) werden höher bewertet als (vermeintliche) Ordnung und Sicherheit. Dies gilt in ähnlichem Maße für ihre Angehörigen, die bei der Regelung der Pflegearrangements normalerweise als Vertragspartner der Pflegeeinrichtungen in Erscheinung treten.
  • Ambulante Dienste kämpfen um jeden Patienten. Patienten mit Demenz, die allesamt potentielle Langzeitpatienten sind, gewinnen eine immer größere Bedeutung.
  • Eine ähnliche Entwicklung ist bei einem gesellschaftlichen Akteur zu verzeichnen, den bislang kaum jemand „auf der Rechnung“ hatte: Die deutsche Wohnungswirtschaft hat – verstärkt durch die demographische Entwicklung und zum Teil erheblichen Wohnungsleerstand – ihr Herz für die Alten entdeckt. Mit ihr bekommen ambulante Dienste einen mächtigen Partner, der – so ernst zu nehmende Prognosen – in den nächsten Jahrzehnten den Trägern stationärer Pflegeangebote den Rang ablaufen wird. Ausnahmen bilden Ballungsräume in Süddeutschland (Stuttgart, München), das Rhein-Main-Gebiet und andere Regionen mit Bevölkerungszuwachs. Für alle anderen Landesteile gilt: die Wohnungswirtschaft ist auf der Suche nach Partnern, die ihr die alten Mieter so lange wie möglich erhalten und sie ist nur zu gern bereit, ihren freien Wohnraum für betreute Wohngruppen zur Verfügung zu stellen.

Die Rahmenbedingungen zur Initiierung von ambulant betreuten Wohngemeinschaften sind also so günstig wie nie. Diese Konstellation ruft allerdings auch Initiatoren auf den Plan, die im Windschatten der ethisch und fachpflegerisch "korrekten" Projekte und der positiven Grundstimmung wirtschaftliche Interessen allzu prioritär behandeln. Natürlich wird auch mit den qualitativ guten Projekten Geld verdient, das soll und muss so sein. Aber die enorme Zahl von ambulanten Diensten und – stark zunehmend – Einzelpersonen, die sich berufen fühlen, fachgerechte Versorgung von Menschen mit Demenz in Wohngruppen zu leisten, gibt denn doch Anlass zur Sorge.

Die Novellierung der Heimgesetzgebung, die nunmehr in der Verantwortung der Länder liegt,  hat vielen Trägerkonstruktionen  einen Weg in die ordnungsrechtliche Legalität geebnet. Viele Initiatoren von ambulant betreuten Wohngemeinschaften wollen nämlich als Träger/Betreiber von Wohngruppen auftreten und würden sich lieber auf dem Markt als "ehrliche Anbieter" präsentieren statt mit "pseudo-demokratischen" Konstruktionen staatliche Regulierungen zu vermeiden.
Für alle Projekte, die konzeptionell mit einer Konstruktion der "geteilten Verantwortung" agieren wollen, sind in der Bundesarbeitsgemeinschaft  Abgrenzungskriterien zu den Trägerkonstruktionen entwickelt und - und in einigen neuen Landesheimgesetzen aufgenommen worden.

Mit dem Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG), dass zu Jahresbeginn 2013 in Kraft treten wird, werden neue Anreize für Wohngemeinschaften gesetzt, indem ihre finanzielle Ausstattung verbessert wird.

[1] Zumindest dort, wo der Immobilienmarkt entspannt ist und ein geeignetes Wohnraumangebot existiert.

Ansprechpartner

Klaus-W. Pawletko
Geschäftsführer Freunde alter Menschen e.V.

Tieckstraße 9
10115 Berlin
Tel. 030/ 13 89 57 90

Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg e.V. Selbsthilfe Demenz

Stephensonstraße 24-26
14482 Potsdam
Tel. 0331/ 740 90 08
Fax 0331/ 740 90 09

Ein Webangebot der les petits frères des Pauvres - Freunde alter Menschen e. V., Hornstraße 21, DE - 10963 Berlin, Telefon: (030) 691 1883, www.famev.de | Impressum.